Mich hat die Berlinale schon seit Ende der 90er Jahre sehr interessiert. Seit 2003 wohne ich in Berlin und habe es erst dieses Jahr geschafft rechtzeitig Urlaub zu nehmen und das Ticketsystem der Berlinale richtig kennenzulernen.

Ich veröffentliche im Folgenden von Zeit zu Zeit sehr subjektive Kurzkritiken zu den Filmen, die ich mir angeschaut habe.

Obscuro Barroco

Der erste Film, den ich mir ansah, war die Weltpremiere zu Obscuro Barroco im CineStar IMAX am Freitag, den 16.02.2018.

Der Film zeigt Rio de Janeiro bei Nacht zur Karnevalszeit aus einer ungewöhnlichen visuellen Perspektive. Er beginnt mit Naturaufnahmen im verregneten Urwald. In der Totalen kommt durch einen Kameraschwenk das nächtliche Rio der Janeiro umgarnt von Nebelschwaden zum Vorschein. Die Kamera taucht schließlich in die Stadt ein. Zum Karneval kostümierte Menschen in Vorbereitung und auf dem Weg zum Fest kommen als nächtliche Gestalten ins Bild. Die sehr intimen Aufnahmen zeigen die ernsthafte Identifikation der Protagonisten mit ihrer Rolle als Karnevalsteilnehmer.

Die aus der Ferne hallenden Rhythmen der Feier und der Wechsel zwischen licht-verschwommenen und scharfen Aufnahmen unterstreichen die mystische Atmosphäre mit Skelettgestalten, Tänzern, Harlekins, Masken und schweißperlenden Häuten.

Ein Harlekin und ein Transvestit sind die Hauptprotagonisten des Films. Der Transvestit ist zugleich Erzähler eines lyrischen Textes über Rio de Janeiro. Es geht um das Thema Transformation in den Dimensionen der Natur, Stadt, Bilder, Tönen, Menschen, Geschlechtern, Kulturen und der Gesellschaft.

Der Film wirkt im Gesamten wie ein poetisches Gedicht und vermittelt eine sehr spannende Atmosphäre jenseits der Klischees über den Karneval in Rio de Janeiro. Ich mag das Spiel mit abstrakt-wirkenden unscharfen Bildebenen in Kontrastrierung zu gestochen-scharfen Subjekten und Objekten sehr. Leider wird dieser Effekt und auch die anderen Techniken in Bezug auf die Gesamtlänge des Films nach meinem Geschmack zu häufig eingesetzt, so dass ich denke, dass der Film um etwa 20 Minuten gekürzt werden sollte, um den Abnutzungseffekt nicht aufkommen zu lassen und einen abgerundeten Gesamteindruck zu hinterlassen.

Subjektive Bewertung: Der Film ist wegen der besonderen Machart und Perspektive auf Rio de Janeiro sehenswert und würde von einer Kürzung profitieren. ★★☆☆☆

Interview mit der Regisseurin Evangelia Kranioti

Die aus meiner Sicht interessanteste Aussage im Interview bezog sich auf die thematische Herangehensweise. Der Film wurde im Wechsel zwischen Schnitt und Dreh ausgearbeitet, so dass sich das Thema der Transformation ausprägte und die Texte des Protagonisten mit denen eines Poeten mit den Bildern und Tönen verwoben wurden.

Minatomachi

Den Dokumentarfilm Minatomachi habe ich am 17.02.2018 als Weltpremiere im CineStar 8 gesehen.

Das Filmprinzip des Regisseurs Kazuhiro Soda beruht darauf zu beobachten und zuzuhören. Dabei ist die Beobachtungsperspektive nicht versteckt außerhalb der Szenerie, sondern bezieht den Beobachter mit als Subjekt in die Szenerie ein. Er hat keinen Plan beim Dreh und folgt mit offener Intention in der Beobachtung dem, was geschieht. Aus diesem Grund entstehen viele Stunden Material, welches erst im Schneideraum in eine Erzählstruktur gefasst wird. Auch hier fiel erst spät in der Bearbeitung die Entscheidung, den Film als Schwarzweißfilm zu veröffentlichen. Der Grund dafür ergibt sich aus dem Gezeigten im Film, welches durch die Schwarzweißform in eine Zeitkapsel gefasst wird.

Gezeigt wird das Leben in einem alten Fischerdorf. Diese hunderte Jahre alte Dorf weist eine Lebensweise auf, die ebenso alt zu sein scheint. Die Protagonisten sind fast ausschließlich im Alter zwischen 70 und 90 Jahren, was auch die Bevölkerungsstruktur des Orts repräsentiert. Der Zuschauer sieht einen über 80-jährigen Fischer, wie er sein Netz repariert, das Netz mit seinem Kutter auslegt und in der Nacht den Fang mühsam einholt und im Morgengrauen auf dem Fischmarkt ausliefert wo der Fang an Fischhändler versteigert wird. Dann folgt der Dokumentarfilmer einer Fischhändlerin, wie sie den Fisch in ihrem Laden verkaufsfertig macht und an Kunden ausliefert und verkauft. Dann folgt die Kamera einer Käuferin, die den Fisch und Fischabfälle für streunende Katzen zubereitet.

Der Blick der Kamera und die Erzählweise machen selbst lange Aufnahmen spannend und kurzweilig. Der Film wirkt streckenweise wie lebendige Fotografien von Fotos, die man sich gerne in jedem Detail anschaut.

Es ergeben sich sehr interessante Einblicke in die Gedankenwelt der Bevölkerung, der sozialen Situation, den Lebenssituationen und -geschichten der Protagonisten. Ernste wie auch heitere Momente bleiben hierbei nicht aus.

Neugierig wäre ich auf eine farbige Version des Films, auch wenn ich die Entscheidung zum Schwarzweißformat als Zeitkapseleffekt verstehe. Ich bin jedoch nicht restlos überzeugt, ob eine farbige Version nicht eindrucksvoller gewesen wäre.

Subjektive Bewertung: Der Film ist sehr sehenswert und lehrreich. Mir gefällt das Dokumentationsprinzip. ★★★★☆

Regisseur Kazuhiro Soda und Kiyoko Kashiwagi im Interview

Eva

Der Film Eva ist der erste Wettbewerbsfilm, den ich am 18.02.2018 im Friedrichstadtpalast gesehen habe.

… Fortsetzung folgt …

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